Alt-Katholische Kirche bei CSD-Straßenfest in Dresden

Neben den Regenbogenfahnen wehte am 2. Juni 2012 zum ersten Mal auch die Fahne der Alt-Katholiken beim Christiopher Street Day (CSD) in Dresden.

Der CSD ist eine jährliche Demonstration mit Parade und Straßenfest, bei dem sich verschiedene Gruppen u.a. für die Rechte von Lesben und Schwulen stark machen und sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung wehren. Der CSD findet in vielen größeren Städten statt und hat seinen Ursprung und Namen von dem ersten bekannt gewordenen Aufstand von Homosexuellen gegen die Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es immer wieder gewalttätige Razzien der Polizei in Kneipen mit homosexuellem Zielpublikum. In den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 setzten sich in einer Bar in der Christopher Street zum ersten Mal Schwule gegen diese willkürlichen Gewalttätigkeiten zur Wehr. Seit dem wird in New York am letzten Samstag des Juni, dem Christopher Street Liberation Day, mit einem Straßenumzug an dieses Ereignis erinnert. Daraus ist mittlerweile eine internationale Tradition geworden, im Sommer eine Demonstration für die Rechte von Schwulen und Lesben abzuhalten.

Der CSD in Dresden stand in diesem Jahr unter dem Motto: „Gleiche Pflichten! Gleiche Rechte!

Manch einer mag gestaunt haben, als er auf dem CSD-Straßenfest zwischen Semperoper und röm.-katholischer Hofkirche in Dresden den Informationsstand einer Kirche entdeckt hat - und dann auch noch einer katholischen Kirche. Oftmals konnte man die Verwirrung in den Gesichtern von Passanten deutlich erkennen. Wer sich jedoch Zeit nahm und mit uns ins Gespräch kam, dem konnte die Verwirrung genommen werden.

Bezeichnenderweise wurde unser Stand zwischen Amnesty International“ und „GeFAHR e.V. “(Gesellschaft zur Förderung von Aufklärung, Humanismus und Religions FREIheit) platziert. So ergaben sich allein schon hier sehr interessante Diskussionen. Ursprünglich war geplant, dass wir uns als alt-katholische Kirche im Rahmen der ökumensichen Organisation HuK (H„omosexuelle und Kirche) e.V. präsentieren. Da diese Gruppe aber nicht in Dresden vertreten war, nahmen wir das Heft in die Hand und organisierten einen eigenen Stand.

In der christlichen Diaspora Ostdeutschlands ist es generell schwer sich über den christlichen Glauben zu unterhalten. Die Folgen der Verdrängung der Religion in der DDR sind heute noch drastisch zu spüren. So gehört in Sachsen nur jeder vierte einer christlichen Kirche an (ca. 21% Protestanten, ca. 4% Katholiken). Bei einem Heranwachsenden steht nach wie vor die religionsfreie „Jugendweihe“hoch im Kurs, während Konfirmationen, Erstkommunionfeiern oder sogar Firmungen eher Veranstaltungen mit Seltenheitscharakter sind. Und dass viele mit dem Begriff alt-katholisch ersteinmal eine vielleicht noch auf lateinisch sprechende Kirche mit noch negativ-fundamentalistischeren Ansichten als die röm.-katholische Kirche vorstellt, dürfte wohl niemand wundern. So ergaben sich viele Gespräche, auch wenn so mancher auf ein Gesprächsangebot mit "Mit euch red ich doch gar nicht!" reagierte. Das Erstaunen war dann doch groß nachdem unsere Positionen bekannt waren. Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass es auch einige gab, die Gespräche mit der Bemerkung „Katholisch bleibt Katholisch und dem Bild der röm.-katholischen Kirche im Hinterkopf verweigerten.

Auch unser Aufsteller vor unserem Stand hatte seine Wirkung. Es zeigt unser Logo mit dem Kreuz in der Mitte und darum allerlei verschiedene menschliche Eigenschaften: klein, groß, schwul, hetero, Linkshänder, Rechtshänder, Mann, Frau ... HERZLICH WILLKOMMEN.

Uns war es wichtig, damit zu zeigen, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen für uns keine Rolle spielt, genausowenig, ob er Links- oder Rechtshänder ist. Das Wesentliche für uns ist das Kreuz und damit Christus in unserer Mitte. Bei uns ist jeder eingeladen, der sich zu ihm bekennt.

Neben vielen Besuchern des Straßenfestes erreichten wir auch viele Touristen, die sich an dem Wochenende in Dresden aufhielten, sowie Kirchenbesucher der römisch-katholischen Hofkirche, da jeder, der diese Kirche verließ, direkt auf unseren Stand treffen musste. So freute sich z.B. ein alt-katholisches Ehepaar aus Luxemburg Ihre Kirche auch in Sachsen zu treffen. Außerdem erreichten wir an diesem Tag Menschen aus Koblenz und Köln, die im Rahmen einer Städtereise in Dresden zu Besuch waren und denen wir Kontaktdaten zu den dortigen Gemeinden weitergeben konnten.

Insgesamt waren 5 Gemeindemitglieder aus Dresden und Leipzig damit beschäftigt, über die alt-katholische Kirche zu informieren: Flyer, Booklets, Gemeindebriefe, Christen heute-Ausgaben und weiteres Informationsmaterial lagen bereit. Allerdings wurde uns schnell klar, dass dies alles nur Ergänzungsmaterialien zu persönlichen Gesprächen sein können. Und so hatten wir an diesem Tag allerhand zu erzählen, auch mit Verstärkung aus der Berliner Gemeinde. Ein herzlicher Dank soll an dieser Stelle an alle gehen, die diesen Tag so erfolgreich vorbereitet oder mitgestaltet haben.

Zwei Reaktionen haben mich Tage nach dem CSD noch beschäftigt: Da war ein röm.-kath. Ehepaar aus Bayern, das nach dem Besuch der Hofkirche an unserem Stand vorbeischaute und sich über die alt-katholische Kirche informierte. Plötzlich nahm die Frau ihren Mann am Arm mit den Worten: „Lass uns weitergehen. Wenn ich noch mehr hier erfahre, dann fang ich an zu heulen, wenn ich sehe, was alles möglich ist und was wir zu Hause haben!“
Die zweite Reaktion kam am Tag nach dem CSD per e-mail von einem Lehrer an einem sächsischen Gymnasium: ... Ich fand es ungeheuer wichtig, dass Ihr am CSD an der Hofkirche standet und ein Zeichen gegen Intoleranz, menschenverachtende Dogmen und moderne Inquisition gesetzt habt ... sicher habt Ihr gestern das Weltbild von dem einen oder anderen aus dem Lot gebracht, Nachdenken provoziert. Und ich weiß als Geschichtslehrer, immer wenn in der Vergangenheit Menschen angefangen haben, über ihr Dasein nachzudenken, dann wurde oft Großes erreicht und so manches besser. Dann könnt ihr sagen, ihr habt dazu beigetragen und dafür habt ihr von mir meine volle Achtung, auch wenn die Religion nicht mein Weg ist .....

Trotz müder Beine, einiger Anstrengung und so manchem Sonnenbrand war der Tag aus unserer Sicht sehr erfolgreich. Das haben uns nicht nur die persönlich gemachten Erfahrungen gezeigt, sondern auch die Reaktion der CSD-Organisatoren, die uns heute schon um Beteiligung in Dresden und in anderen Städten im nächsten Jahr baten: endlich einmal eine Kirche, die uns offen zeigt, dass homosexuelle Menschen bei ihnen genauso willkommen sind wie heterosexuelle.

Joachim Debes