Gemeindebrief

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Freundinnen und Freude unserer altkatholischen Gemeinde,

„das müsste doch zu schaffen sein. Das wäre doch gelacht,“ meint die alte Dame mit ihren 79 Jahren und lässt sich von ihren Enkeln ein Smartphone kaufen. In den kommenden Monaten lernt die Großmutter scrollen, wischen, simsen und Mails verschicken.

Das ist gar nicht so einfach. Aber sie hat verstanden, so erzählt sie mir bei einem Besuch, dass sie auf diese Weise besser und einfacher mit ihrer weit verstreuten Familie im Kontakt bleiben kann. Sie beherrscht noch nicht alles und ihre Finger sind manchmal etwas zittrig, aber das Smartphone liegt immer in ihrer Reichweite. Über eine kurze SMS aus der Bahn freut sie sich oder über ein Bild von der Klassenfahrt nach Frankreich. „Ich bekomme viel mehr von meiner Familie mit. Wer hat denn früher sich die Zeit genommen und die Oma einmal angerufen“ sagt sie zu mir. Mich beeindruckte die Energie der alten Dame, sich noch auf diese Technik einzulassen und neues zu lernen.

An sie muss ich in diesem Jubiläumsjahr der Reformation denken. Eine Reformation vor 500 Jahren hat im Kleinen begonnen mit einem einzelnen Menschen. Der Mut, der Wille zur Veränderung brachte etwas in Gang. Martin Luther setzte sich mit den Themen, Fragen und Missständen seiner Zeit auseinander.

Die Menschen der Amtskirche waren dagegen nicht bereit, sich auf neue Fragen, Anregungen und Veränderungen einzulassen. Neben der Auseinandersetzung mit den großen kirchlichen und theologischen Fragen bedeutet Reformation für mich zunächst die innere Bereitschaft sich auf neues einzulassen, sich zu verändern, sich heutigen Fragen zu stellen. Das lateinische Wort reformare heißt umgestalten, verbessern, wiederherstellen. Das fängt bei mir an. Und das ist gar nicht so einfach. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ich laufe nicht selten Gefahr, in den mir altbekannten Gewohnheiten und Denkmustern zu verharren. Wohlvertrautes ist mir bequem und angenehm. Manches, dass aber früher sinnvoll und richtig war, kann heute genau das Gegenteil bewirken.

Es gibt den alten kirchlichen Grundsatz, dass die Kirche immer reformbedürftig ist (ecclesia semper reformanda). Wenn ich diesen Willen von der Kirche und den Verantwortlichen in ihr erwarte, kann ich es auch von mir einfordern: Wo sind bei mir Schritte der Veränderung und der Neuorientierung nötig?

Diese Fragen gelten ein Leben lang. Wo sind Verkrustungen und Verengungen? Wo sind meine blinden Flecke? Die österliche Bußzeit stellt diese Fragen Jahr für Jahr neu. Sie sind ein Reformationsangebot im Kleinen. Martin Luther ging es nicht darum alles Alte über Bord zu werfen. Reformare bedeutet verbessern und wiederherstellen.

Ich kann etwas verbessern, indem ich mich von Altem trenne, das zum Ballast geworden ist und mich hindert weiter zu gehen. Ich kann etwas wiederherstellen, in dem ich dem Alten neuen Glanz verleihe, den Wert von Tradition und gemeinsamer Geschichte neu entdecke und neue Lebendigkeit gebe.

Der Wille zur Veränderung und die Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen und Problemen bedeutet nicht, dass alles Alte sofort auch veraltet und überflüssig ist. Was mich innerlich weit macht, was eine innere Enge aufbricht, was mich öffnet für den anderen, was mir innere Ruhe und Trost bringt, was mich letztlich mehr zu Gott führt, das ist eine persönliche „Reformation„ im guten Sinne, wie ein Martin Luther sie wollte. Jesus vergleicht es im Matthäusevangelium (Mt. 15, 52) mit einem „Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt„.
Es ist die Kunst des Lebens und Glaubens, sich von Altem wie Neuem bereichern zu lassen. Ich verharre in der Vergangenheit, wenn ich nur beim Altem bleibe und beraube mich mancher Lebens- und Glaubensfreude. Umgekehrt kann ich keine Wurzeln schlagen und guten Halt finden, wenn ich nur das Neue und Aktuelle suche. Ich kann leicht in der Oberflächlichkeit verharren.

Wenn es heißt, dass die Kirche immer reformbedürftig sei, so fängt es bei mir an. Die Reformation im Kleinen beginnt jeden Tag.

Ich wünsche uns den Mut und die Lust der alten Dame, die sich selbst im hohen Alter mit Neuem auseinandergesetzt hat und damit ihre bereichernden Erfahrungen gemacht hat.

Es grüßt Sie und Ihre Angehörigen herzlich
Ihr Armin Luhmer, Pfarrer

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